Fachschaft Deutsch


„DieGrenzenmeiner Sprache
bedeuten die Grenzen meiner Welt.“
(Ludwig Wittgenstein)

Der Deutschunterricht am Gymnasium ermöglicht durch die intensive Beschäftigung mit Sprache und Literatur kommunikative Kompetenz, kulturelle und ästhetische Bildung sowie Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Er verhilft den Schülern dazu, mit Informationen umzugehen, Phantasie auszubilden und Probleme kreativ zu lösen. Auf Grund dessen bestimmt das Fach Deutsch die Persönlichkeitsbildung wesentlich mit, fördert vernetztes Denken und erfüllt vielfältige fächerübergreifende und integrative Funktionen. (nach: www.isb-gym8-lehrplan.de)


Kompetenzorientierung im Deutschunterricht

Ein Gespenst geht um in der deutschen Bildungslandschaft: Von den einen wird sie gefeiert als das Allheilmittel gegen stupides Auswendiglernen (vermeintlich) „überflüssiger“ Inhalte, von den anderen verteufelt als der Anfang vom Ende aller Bildung – die Kompetenzorientierung. Die Kultusministerkonferenz definiert Kompetenzen folgendermaßen:


„Kompetenzen beschreiben Dispositionen zur Bewältigung bestimmter Anforderungen. Solche Kompetenzen sind fach- bzw. lernbereichsspezifisch ausformuliert, da sie an bestimmten Inhalten erworben werden müssen.“ 1

Die Inhalte bleiben also erhalten. Während jedoch den Lehrplänen früher die Überlegung zu Grunde lag, was Schülerinnen und Schüler über einen bestimmten Gegenstand wissen müssen, sucht man heute eine Antwort auf die Frage „Welches Wissen brauchen sie, um mit einem bestimmten Gegenstand in einer bestimmten Situation kompetent umgehen zu können?“ .

Um der allseits grassierenden Angst vor dem Verlust einer fundierten Allgemeinbildung zu begegnen, hat das bayerische Kultusministerium einen eigenen Kompetenzbegriff definiert:

„Kompetent ist eine Person, wenn sie bereit ist, neue Aufgaben- oder Problemstellungen zu lösen, und dieses auch kann. Hierbei muss sie Wissen bzw. Fähigkeiten erfolgreich abrufen, vor dem Hintergrund von Werthaltungen reflektieren sowie verantwortlich einsetzen.“ 2

Wie hat man sich das nun im Fach Deutsch vorzustellen?

Zunächst einmal sei angemerkt, dass der muttersprachliche Unterricht schon von seinem Wesen und von je her kompetenzorientiert war und ist: Zunächst erlernen die Kinder dort die grundlegenden Kompetenzen Lesen und Schreiben, die sie dazu befähigen, zentrale Problemstellungen zu lösen, nämlich Texte zu verstehen und zu verfassen. Mit zunehmendem Alter der Schülerinnen und Schüler werden die Texte komplexer, und ihr Verständnis erfordert vermehrt Wissen, welches zum Teil im Deutschunterricht selbst, zum Teil in den anderen Fächern erworben wird.

Der Lernbereich „Lesen – mit Texten und weiteren Medien umgehen“

Das Lesen und Schreiben gelernt werden müssen, leuchtet jedem ein. Je höher die Jahrgangsstufe, desto häufiger stehen jedoch gymnasiale Lehrplaninhalte des Faches Deutsch in der Kritik: „Wozu braucht man denn Gedichte? Wozu alte Dramen von toten Dichtern, deren Inhalte aus längst vergangenen Zeiten stammen?“ – so oder so ähnlich lauten die Vorwürfe. Hier kommt die Reflexion ins Spiel: In literarischen Werken jeglichen Genres werden Werthaltungen reflektiert, und in der Auseinandersetzung damit „trainieren“ die Kinder und Jugendlichen gewissermaßen diese Reflexion. Sie wird im späteren Leben ständig von ihnen abverlangt, wenn sie Mitmenschen begegnen, die nicht aus demselben Milieu, derselben Region, demselben Kulturkreis etc. stammen wie sie selbst, oder wenn sie auf menschliches Handeln reagieren müssen, das von ihren eigenen Denkstrukturen und Erwartungen abweicht. Zur Reflexion von Werthaltungen sollte man auch in der Lage sein, wenn man, beispielsweise als Wissenschaftler(in), Banker(in), Richter(in) oder Mediziner(in) Entscheidungen trifft, bei denen es gesellschaftliche oder ethische Normen zu berücksichtigen gilt: Was kann und darf Wissenschaft? Wo hat das Individuum Vorrang vor dem Gemeinwesen oder umgekehrt? Welche Umstände mindern die Schuldfähigkeit eines Menschen, welche nicht? Solche und andere Fragen des menschlichen Miteinanders werden in der Literatur und seit über hundert Jahren auch im Film verhandelt. Wer sich in der Schule bereits damit auseinandergesetzt hat, begegnet ihnen im späteren Leben nicht unvorbereitet.

Der Lernbereich „Schreiben“

Auch die Sinnhaftigkeit schulischer Schreibübungen und –prüfungen wird häufig in Zweifel gezogen: Wer bitte schreibt nach dem Schulabschluss noch eine Erörterung? Stimmt! Niemand, außer vielleicht Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer, die hin und wieder eine Musterlösung verfassen. Die Fähigkeit jedoch, schlüssig zu argumentieren, braucht jeder Mensch früher oder später im Berufs- und Privatleben. Der Lehrplan PLUS, der ab dem Schuljahr 2017/18 schrittweise in Bayern eingeführt wird, trägt dem Rechnung, indem er nicht mehr bestimmte „Aufsatzarten“ vorschreibt, sondern die Lehrkräfte auffordert, innerhalb der drei so genannten „Schreibstränge“ „Erzählen“, „Informieren“ und „Argumentieren“ möglichst lebensnahe Lern- und Prüfungsaufgaben zu entwickeln. Für das Argumentieren heißt das beispielsweise, dass auch ein Leserbrief, ein Kommentar oder – in der Oberstufe – ein Essay geschrieben werden kann. Letzterer erfordert die Beherrschung aller drei Schreibkompetenzen.

Freilich ist und bleibt die Schule ein gewissermaßen „künstlicher“ Lebensraum, in dem vieles im „Simulationsmodus“ abläuft – auch im Deutschunterricht. Aber ist das schlimm? Auch Astronauten trainieren schließlich in Wasserbecken den Umgang mit der Schwerelosigkeit, bevor sie erstmals in den Weltraum fliegen!


Regina Beutler, Fachbetreuerin Deutsch


1 Bildungsstandards der KMK. Erläuterung zur Konzeption und Entwicklung; http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2004/2004_12_16-Bildungsstandards-Konzeption-Entwicklung.pdf, S. 16
2 zitiert nach der vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung zur Verfügung gestellten Präsentation „Kompetenzorientierung im Unterricht“